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Kultursommer 2012 - Projekte in Frankenthaler Kirchen

Kunst und Kirche beim 21. Kultursommer in Rheinland-Pfalz

Zwölf Kirchen, zwölf Installationen: Die Evangelische Kirche der Pfalz hat sich am 21. rheinland-pfälzischen Kultursommer mit einer Projektreihe zum Thema „Licht“ beteiligt. Vom 18. Mai bis 9. September gab es in zwölf Kirchen Begegnungen zwischen Kirche und zeitgenössischer Kunst. Die Künstler hatten auf irritierende, provokative oder fokussierende Weise Eingriffe in den Kirchenraum vorgenommen und dabei das Thema – „... damit, wer hineingeht, das Licht sehe“ – aufgegriffen. Der Kunstkritiker Hans Gercke hat die Ausstellungen besucht.

Auftakt und Schwerpunkt des Projektes bildete Frankenthal. Alle fünf protestantischen Kirchen in der Stadt nahmen an dem Projekt teil. In der schlichten Christuskirche im dörflichen Stadtteil Mörsch stellte die in Heidelberg lebende, 1956 in Bagdad/Irak geborene Cholud Kassem ihre „Wudus“ aus, auf Papier collagierte Köpfe, Masken und figurative Chiffren, die Anregungen aus archaischen und außereuropäischen Kulten mit Kindheitserinnerungen und Reflexen zeitgenössischer Science-Fiction-Kultur verbinden. Obwohl es sich hier, verglichen mit den im Folgenden besprochenen Beiträgen, eher um eine Ausstellung als um eine Intervention handelte, freilich eine mit betont installativem Charakter, so ergaben sich durch die Präsentation dieser zwischen freundlich und aggressiv, naiv und bedrohlich changierenden, an Mythen, Träume und fremde Kulte erinnernden Darstellungen im kirchlichen Kontext doch sehr spezifische Bedeutungsperspektiven.

Die Frankenthaler Zwölf-Apostel-Kirche im Stadtzentrum ist ein monumentaler klassizistischer Bau der Weinbrenner-Schule, der nach den Kriegs- zerstörungen innen als zwölfsäuliger elliptischer Kuppelraum neugestaltet wurde. Die umtriebige, im Umgang mit kirchlichen Stellen erfahrene und engagiert am Gesamtkonzept mitarbeitende Pfälzer Künstlerin Madeleine Dietz (* 1953 in Mannheim, lebt und arbeitet in Godramstein bei Landau) setzte mit den aus ihrem Schaffen bekannten Materialien in den cleanen 1950-Jahre-Raum starke, naturhafte Akzente: Eine Erdschüttung im Mittelgang verwandelte diesen in einen Feldweg, der, leider für die Begehung gesperrt, zum eisenummantelten Altar und einer Dornenhecke führte, die den Blick in den Chor versperrte, aber von diesem her einen vagen Lichtschein durchdringen ließ. Die (vielleicht allzu) selbstverständliche Präsenz des Sakralen wurde so, mit deutlicher Anspielung auf Gottes Erscheinung im Dornbusch, aufgebrochen, hinterfragt und gleichzeitig in die Sphäre des Numinosen erhoben.

In dem burgartigen Betonbau der 1969 erbauten Versöhnungskirche hat Barbara Hindahl (* 1960 in Rheinhausen, Ruhrgebiet, lebt und arbeitet in Mannheim) die unter allen Frankenthaler Installationen vielleicht provokanteste, aber zugleich auch faszinierendste in Szene gesetzt: Die Kirche wurde bis auf die festen Einrichtungsstücke komplett ausgeräumt und mit allerlei Möbeln und anderen Alltagsgegenständen bestückt, die Mitglieder der Gemeinde von zuhause mitbrachten. Jedes Objekt brachte nicht nur seine formale Eigenart in die Installation ein, sondern auch die Geschichte seines Gebrauchs und stand so für Vielfalt und Individualität der Gemeindemitglieder. Mit Farbe und Klebeband hat die Künstlerin eine anamorphotische Zeichnung über dieses Chaos gelegt, sodass der sich im Raum bewegende Besucher einen Standpunkt finden konnte, von dem aus sich eine geordnete Form über das Chaos legte. Dabei ließen sich die blauen Wellenformen durchaus mit dem Wasser der Taufe in Verbindung bringen.

Das Titelzitat der Ausstellungsserie kann beim Beitrag von Nicole Ahland (*1970 in Trier, lebt und arbeitet in Wiesbaden) wörtlich genommen werden. Die Künstlerin ist in ihren großformatigen analogen Fotoarbeiten dem Geheimnis des Lichtes auf der Spur, das sie ohne jede Effekthascherei oder technische Manipulation in scheinbar ungegenständlichen, oftmals irritierend leeren und beeindruckend stillen Bildern festhält, deren subtile Farbigkeit häufig erst bei genauerer Betrachtung wahrgenommen wird. In der Jakobuskirche hat sie eines dieser Bilder über den Altar gehängt (einige weitere „Lichtbilder“ waren im Gemeindesaal zu sehen) und mit diesem ebenso sparsamen wie kraftvollen Eingriff dem vielteiligen, mit Betonreliefs von Emil Wachter reich ausgestatteten Kirchenraum einen Schwerpunkt von faszinierender Klarheit und Ruhe verliehen.

Dies wäre der wohl einzige Fall im Rahmen des hier besprochenen Projektes, bei dem man sich wünschen könnte, das Bild dürfe bleiben. Doch dies ließe sich hier am allerwenigsten realisieren, fiel es doch der katholischen Gemeinde schwer genug, wenigstens für eine begrenzte Zeit auf ihr Altarkreuz zu verzichten. Eine weitere Bemerkung sei, angeregt durch den Charakter des hier beschriebenen Ortes, als Frage angefügt: Könnte es nicht möglich und sinnvoll sein, ein solches Dialogprojekt in Zukunft auch als ökumenisches Unterfangen durchzuführen?

Einen anderen Umgang mit der Fotografie pflegt Thomas Brenner (* 1961 in Wiedenbrück/Westfalen, lebt und arbeitet in Kaiserslautern): Er inszeniert in realen Räumen, was ihm später als Ausgangspunkt zum Teil recht fantastischer und irritierender fotografischer Bilder dient. So gesehen ist seine Installation in der Lutherkirche so etwas wie die Vorstufe eines erst noch zu erstellenden Bildes, das hier jedoch real vorhanden und als Bildraum begehbar ist, wobei die Besucher der Kirche potentielle Bestandteile des noch nicht fixierten Bildes werden können. Brenner hat die festgemauerten Prinzipalien – Altar, Kanzel und Taufstein – in weiße, weiche Daunenkleider gehüllt und die Glaswand hinter dem Altar mit halbtransparenter Folie beklebt, die so nur noch zum Teil den Durchblick in die Natur und auf ein frühes Werk des Frankenthaler Künst- lers Erich Sauer erlauben. Die Folien zeigen die ebenfalls in Federn eingebetteten Symbole der fünf Weltreligionen, dabei anspielend auf den gerade in dieser Gemeinde sehr lebendigen interkonfessionellen Dialog. Hierzu passt, dass parallel zur Installation in der Kirche, in der das Feste, Harte, Unverrückbare auf spielerischer Weise, gleichsam als Maskerade weich, hell und leicht gemacht wurde, im Gemeindehaus die Ausstellung „Weltethos“ von Hans Küng zu sehen war.

Auch die fünfte der Frankenthaler Nachkriegskirchen hat ihren ganz eigenen Charakter: In der Friedenskirche ist die Zeltform dominierend, von alters her ein religiöses Symbol, das auf das Unterwegssein des Christen anspielt. Dorothée Aschoff (* 1965 in Göttingen, lebt und arbeitet in Neustadt an der Weinstraße) hat die Architektur des Raumes aufgegriffen, ein zeltartiger Baldachin hängt frei im Raum, andere Objekte erinnern an Fortbewegungsmittel und andere Requisiten der Nomaden wie Schlitten und Reußen. Die leichten, hellen, skelettartigen Skulpturen sind aus geleimtem Filterpapier gearbeitet und sollen auch daran erinnern, dass ein Außenbezirk wie der, in dem sich die Kirche befindet, vorwiegend von Heimatvertriebenen und Menschen mit Migrationshintergrund bewohnt wird.

Die Ausstellung wurde ergänzt durch eine das Thema Aufbruch und Abschied aufgreifende, mehrfach aufgeführte Klangperformance von Karin Maria Zimmer (* 1970 in St. Wendel, lebt und arbeitet in Saarbrücken) zum Thema Aufbruch und Verlassen, bestehend aus bewegter Aktion, urbanen Geräuschen, elektronisch erzeugten Klängen und improvisierten, monochordbegleiteten Gesängen. Die Künstlerin hat bei Christina Kubisch (* 1948 in Bremen, lebt und arbeitet in Hoppegarten bei Berlin) in Saarbrücken studiert, einer der prominentesten, die derzeit im Zwischenbereich von Bildender Kunst und Musik arbeiten.

(Autor: Hans Gercke - mit freundlicher Genehmigung entnommen dem Heft Nr. 133 der "Informationen" der Evangelischen Kirche der Pfalz. Die folgenden Fotos sind von Thomas Brenner - mit freundlicher Genehmigung des Instituts für kirchliche Fortbildung.)