Prot. Diakonissenverein Frankenthal e.V.

»In der Herzensbildung müssen wir nachholen« – Fachtag mit Karin Nell

Die Herzenssprechstunde ist ein »kleines, aber feines« Kulturprogramm an sechs Nachmittagen, das die evangelische Erwachsenenbildnerin Karin Nell entwickelt und am 11. Juni im Dathenushaus vorgestellt hat. In ihm kommen die Teilnehmenden zu Wort mit dem, was ihnen auf dem Herzen liegt. »Aufhänger« für das Gespräch können zum Beispiel Sprichworte oder Lieder sein, die das Herz berühren, Düfte, die gut tun oder Märchen, die zu Herzen gehen. Wichtig ist, dass alle Teilnehmenden zu Wort kommen mit ihren Herzensangelegenheiten. Gelebtes, erfahrenes Wissen wird so geteilt – für den Soziologen Richard Sennett eine der Voraussetzungen dafür, dass unsere Gesellschaft sich verändert.

Vorbereitet werden die vierzehntägigen Treffen von einem kleinen Team. Bei den Nachmittagen geht es bewusst nicht um Gesundheit, sondern um Erwachsenenbildung. Menschen im nachberuflichen Leben zum Beispiel suchen nach ihrem Eigenen und nutzen dafür den Austausch. Letzten Endes ist es das Ziel, sich darüber klar zu werden, was man selbst tun kann, damit es einem besser geht. Oft treffen sich die Gruppen nach den sechs Nachmittagen im eigenen Rahmen weiter, vernetzen sich mit anderen Teilnehmern der Herzenssprechstunden oder schließen sich bestehenden (Senioren-)Netzwerken an.

Die Herzenssprechstunden sind – im Sinne des russischen Künstlers Ilja Kabakov – »Frühbeete für Ideen« für unsere Gesellschaft. Wenn wir mit den Ideen aus den Herzenssprechstunden achtsam umgehen und ihnen Zeit zum Reifen lassen, können kraftvolle Projekte aus ihnen werden. Konsequenterweise gibt es in jeder Herzenssprechstunden-Gruppe ein Ideenbuch, in dem Ideen und gemeinsame Pläne festgehalten werden.

 



"Sprich ein Wort" – Mitgliederversammlung des Protestantischen Diakonissenvereins am 18. November 2015

Berichte und Vorstandswahlen standen im Vordergrund der diesjährigen Mitgliederversammlung des Protestantischen Diakonissenvereins Frankenthal e.V. Rund 540 Mitglieder zählt der Verein. Er gehört zu den vier christlichen Krankenpflegevereinen in Frankenthal, die die Ökumenische Sozialstation unterstützen.

Bei den Wahlen wurde Dekanin Sieglinde Ganz-Walther als Vorsitzende bestätigt, Volker Henß folgte Dr. Werner Schwarz als stellvertretender Vorsitzender nach. Dem Ausschuß, dem Arbeitsgremium des Vereins, gehören in der nächsten vierjährigen Wahlperiode Klaus Fleer, Erhard Liedtke, Kurt Kußmaul, Dr. Jochen Mühle, Sigrid Weidenauer-Sauer und Ingrid Wirth an. Nach 25 Jahren als Rechner des Vereins gab Kurt Kußmaul sein Amt an Horst Roos ab, als Rechnungsprüfer stellten sich Konrad Erb und Walter Stass zur Verfügung.

Eine Besonderheit des Vereins ist, dass eine Präsenzkraft die Mitglieder regelmäßig aufsucht. Sie ist Ansprechpartnerin bei vielen Fragen rund ums Älterwerden, aber auch bei anderen schwierigen Situationen. Wie Yvonne Schall, die als gestalttherapeutische Beraterin ausgebildet ist, berichten konnte, kommen viele der Mitglieder mittlerweile auf sie zu, wenn es etwas zu besprechen gibt.

»Sprich ein Wort, so wird mein Knecht gesund«, mit diesem Wort, das der Hauptmann von Kapernaum an Jesus richtete, eröffnete Sieglinde Ganz-Walther nicht nur die Mitgliederversammlung, darum, so die Dekanin, gehe es dem Verein auch mit den regelmäßigen Besuchen. »Wenn ich reden kann«, so Ganz-Walther, »dann ist die Tür schon weit aufgestoßen zum Leben.« Miteinander reden löse Ängste, aber auch miteinander schweigen, lachen oder weinen hätte seinen Platz. Als Verein ins Gespräch zu kommen, um helfen zu können, folge dem Vorbild Jesu.

235.000 Hilfeleistungen, so Ingrid Wirth, die Geschäftsführerin der Ökumenischen Sozialstation, erbrachten die 58 haupt- und 23 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Ökumenischen Sozialstation im letzten Jahr bei der medizinischen Versorgung, bei hauswirtschaftlicher Unterstützung und im Bereich Demenz. 240 Patienten wurden so regelmäßig unterstützt. Über die Zuschüsse der Krankenpflegevereine und Kirchengemeinden kann die Ökumenische Sozialstation karitative Leistungen finanzieren, die nicht von der Pflegeversicherung abgedeckt sind.

Zum Schluss gab es rote Dosen: Sigrid Weidenauer-Sauer, die Beratungs- und Koordinationsfachkraft beim Pflegestützpunkt der Ökumenischen Sozialstation, informierte über das Projekt »Rettung aus der Dose« und hatte die Dosen auch gleich dabei. Inhalt der Dosen sind Hinweise für Notfälle, die man selbst ausfüllt und in der Kühlschranktür aufbewahrt, wo Rettungsdienste sie dann finden können. Weitere Dosen gibt es beim Pflegestützpunkt im Foltzring 12.

 



150 Jahre Protestantischer Diakonissenverein Frankenthal e.V.

"Menschlichkeit mit Zukunft" – unter diesem Motto feierte der Protestantische Diakonissenverein 2014 sein 150-jähriges Jubiläum. Das Programm des Jubiläumsjahrs und den Rückblick darauf finden Sie nachfolgend.

- das Programm im Jubiläunsjahr 2014
– Rückblick auf das Jubiläumsjahr des Protestantischen Diakonissenvereins e.V.



"Krankenpflegevereine – noch aktuell?"

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Mit einem Vortrag zu diesem Thema leitete Solveigh Schneider, Referentin für Altenhilfe beim Diakonischen Werk der Pfalz, am 18. Januar einen Erfahrungsaustausch der Vorstände der Krankenpflegevereine im Kirchenbezirk Frankenthal ein. Eingeladen dazu hatte der Frankenthaler Protestantische Diakonissenverein, der in diesem Jahr sein 150-jähriges Jubiläum feiert.

Zwanzig evangelische, katholische oder ökumenische Krankenpflegevereine gibt es im Kirchenbezirk. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden auf der katholischen Seite die Elisabethenvereine, auf der evangelischen Seite wurden auf Initiative von Theodor Fliedner ab 1836 Krankenpflegevereine in ganz Deutschland gegründet. Entstanden waren die Krankenpflegevereine aus den Kirchengemeinden heraus, sie unterstützten zunächst Diakonissen und Ordensschwestern, die Kranke besuchten und zuhause pflegten. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts lösten in Rheinland-Pfalz die ökumenischen Sozialstationen die Diakonissen und Ordensschwestern ab, 34 ökumenische Sozialstationen gibt es in Rheinland-Pfalz. Die Krankenpflegevereine übernahmen eine neue Aufgabe als Fördervereine der ökumenischen Sozialstationen. Nach der Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 war und ist es den ökumenischen Sozialstationen durch die Unterstützung der Krankenpflegevereine möglich, das an Pflege zu leisten, was über die Leistungen der Pflegeversicherung hinausgeht.
 
Für Solveigh Schneider haben die Krankenpflegevereine, die oft einige hundert Mitglieder haben, ein nicht hoch genug einzuschätzendes Potential. Sie halten Kontakt zu ihren oft älteren Mitgliedern und sind über soziale Projekte auch für Jüngere interessant, die sich sozial engagieren wollen. Für die Krankenpflegevereine, so Schneider, gibt es viele Zukunftsaufgaben: von der Unterstützung junger Familien, der Förderung altersgerechten Wohnens oder der Entlastung pflegender Angehöriger bis hin zu Bewegungsangeboten für Menschen mit Demenz. Krankenpflegevereine sind nicht nur Teil des bürgerschaftlichen Engagements, sie geben auch Anstöße dazu. Am Ende des Vormittags war klar, dass Krankenpflegevereine weiterhin sehr viel Sinn machen. Über die Mitgliedsbeiträge und über aktives Mittun können sich alle beteiligen, denen – wie in den Gründungsjahren der Krankenpflegevereine – ein soziales Gemeinwesen wichtig ist.

 



Solveigh Schneider

Dass Krankenpflegevereine nicht nur aktuell sind, sondern enorm an Bedeutung gewinnen, das war das Fazit von Solveigh Schneider vom Diakonischen Werk Pfalz auf dem Treffen der Krankenpflegevereins-Vorstände am 18. Januar 2014 im Dathenushaus. Allerdings: Krankenpflegevereine müssen sich verändern und sich neuen Aufgaben stellen, wenn sie weiterhin für Unterstützer/innen und Ehrenamtliche attraktiv bleiben wollen. Vorschläge dazu macht Solveigh Schneider im Interview.

 
Interview mit Solveigh Schneider vom Diakonischen Werk



8 Gründe für eine Mitgliedschaft im Krankenpflegeverein

  • Krankenpflegevereine tragen die häusliche Pflege durch die ökumenischen Sozialstationen mit. Ihre Mitglieder helfen mit ihren Beiträgen die Lücke zu schließen, die bei der Pflegeversicherung bleibt.
  • Gemeindekrankenpflege hat eine lange christliche Tradition. Krankenpflegevereine sorgen dafür, dass Kirchengemeinden sich weiter bei der häuslichen Pflege engagieren können.
  • Die Zuwendungen der Krankenpflegevereine ermöglichen es den Sozialstationen, diakonische Projekte vor Ort anzustoßen und für ein soziales Gemeinwesen zu arbeiten.
  • Die Mitgliedschaft in einem Krankenpflegeverein bedeutet deshalb soziales Engagement – gleich, ob man mit seinen Beiträgen Hilfe ermöglicht oder selbst aktiv mithilft.
  • Die Arbeit der ökumenischen Sozialstationen zu unterstützen, auch wenn man selbst keine Hilfe braucht, ist ein deutliches Zeichen der Solidarität mit kranken, behinderten und alten Menschen.
  • Die Mitgliedschaft im Krankenpflegeverein stärkt den Zusammenhalt von Gesunden und Kranken, Alten und Jungen und von Neubürgern und Alteingesessenen.
  • Auch junge Menschen können auf häusliche Pflege angewiesen sein. Deshalb sind Krankenpflegevereinen nicht nur etwas "für die Alten".
  • Krankenpflegevereine ermöglichen ihren Mitgliedern bei der notwendigen Pflege Pflegerabatte und sorgen dafür, dass die häusliche Pflege bezahlbar bleibt.



Kriegskinder und ihr Lebensweg bis heute – Professor Dr. Radebold zu Gast beim Prot. Diakonissenverein

»Damals war ich noch ein Kind – Kriegskinder und ihr Lebensweg bis heute« lautete die Überschrift eines Fachtags und eines Vortrags mit Professor Dr. Hartmut Radebold am 22. Februar 2014 im Hieronymus-Hofer-Haus. Über 70 Teilnehmer beteiligten sich am Fachtag und ebensoviele Zuhörer kamen zum Vortrag am Abend. Eingeladen hatte der Protestantische Diakonissenverein Frankenthal e.V., der in diesem Jahr sein 150-jähriges Jubiläum feiert. Professor Dr. Radebold, selbst Kriegskind, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Erfahrungen der 1929 bis 1947 Geborenen zum Thema geworden sind. Ihre Erfahrungen sind geprägt vom Bombenkrieg, von Evakuierung, Kinderland-Verschickung, Flucht und Vertreibung. Sie waren als Rotkreuz-Helferinnen und Flakhelfer noch in den Krieg eingespannt und haben unzählige Gewalttaten miterleben müssen. Ein Viertel der Kinder in Deutschland (und nicht nur dort) wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Väter auf. Nach dem Krieg fragten die Erwachsenen nicht untereinander: »Wie seid ihr durchgekommen?«, mit ihren schrecklichen Erfahrungen waren auch die Kinder alleine.

Zentrale Erfahrungen der Kriegskinder, so Professor Radebold, waren: »Ich kann in diesem Krieg meine Heimat verlieren. Ich erlebe etwas, was ich nicht verstehen kann und dem ich absolut hilflos ausgeliefert bin. Wenn die Erwachsenen da sind, können sie mir nicht helfen, sondern sie sind selbst in Gefahr. Ich bin alleine und kann nicht über Angst, Panik und Verzweiflung reden.« Nur ein Teil der Kinder hatte außerdem die Möglichkeit zu trauern. Gefallene Väter wurden nach 1942 nicht mehr nachhause gebracht. Bis heute gibt es 1,1, Millionen Vermisste aus dem zweiten Weltkrieg.

30 bis 35 Prozent der Kriegskinder, schätzt Professor Radebold, sind schwer traumatisiert, etwa 30 Prozent weniger schwer. Ihre Erfahrungen haben sie unter einer »sehr stabilen seelischen Betondecke«, so Professor Radebold, verborgen. Nach dem Krieg sprach niemand über die psychischen Folgen des Zweiten Weltkriegs. Über die dann jungen Erwachsenen sagte Professor Radebold: »Wir funktionierten.« Äußerlich erschien die Kriegskinder-Generation als »kleine, ernste, leicht bedrückte Erwachsene, denen die Kindheit gefehlt hat«. Sie erfüllten ihre Pflichten in Beruf und Familie, fühlten sich ängstlich, waren nach außen freundlich, innerlich aber misstrauisch und skeptisch, entwickelten besondere Verhaltensweisen wie alles aufzuessen oder alles aufzuheben und nahmen auf den eigenen Körper keine Rücksicht.

Jetzt, im Alter, so Professor Radebold, bekommt die Kriegskinder-Generation aufgrund ihrer Erfahrungen und Einstellungen massive Schwierigkeiten. In einer Lebensphase, in der Abschiede unweigerlich dazugehören – vom Beruf, von der Gesundheit, von nahestehenden Menschen –, tun sich die Kriegskinder schwer, denn sie haben nie gelernt zu trauern. Als »schlimm bis katastrophal« wirkt sich auch aus, dass die Kriegskinder nicht auf ihren Körper achten und zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen ignorieren oder dass sie sich schwer damit tun, Hilfe anzunehmen. Sprichwörtlich ist auch die Unfähigkeit, etwas wegzuwerfen und zu entrümpeln.

Viele der Kriegskinder leiden unter Symptomen wie Angstzuständen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, leichten Depressionen, Schlafstörungen und anderem, die in den seltensten Fällen als Folge des Krieges erkannt werden. Kriegskinder hätten, so Professor Radebold, im Alter auch ein hohes Risiko, psychisch zu erkranken. Auch nach 40 oder 50 Jahren kann ein Trauma plötzlich und in voller Wucht wieder da sein. Unfälle, Operationen, Filme, Gespräche – viele Gelegenheiten können das gefühlsmäßige Leid wieder aufbrechen lassen.

Daraus, so Professor Radebold, ergeben sich Aufgaben für die Kriegskinder selbst: Eigene Verhaltensweisen zu überprüfen, zu akzeptieren, dass es Situationen wie ein wieder aktives Trauma gibt, bei denen man Schutz und Hilfe braucht, sich selbst auch einmal zu verwöhnen und mit den eigenen Kindern zu reden. Professor Radebold geht davon aus, dass achtzig Prozent der Kriegskinder noch nie mit ihren Kindern über ihre Erfahrungen gesprochen haben. »Wie haben an unsere Kinder etwas weitergegeben, was sie bis heute geprägt hat«, sagt Professor Radebold. Werden die Erfahrungen der Kriegskinder-Generation nicht aufgegriffen, pflanzt sich das psychische Leid aus dem Zweiten Weltkrieg über weitere Generationen fort. Nach den Kriegskindern sind es heute die »Kriegsenkel«, deren Schwierigkeiten in den Blick kommen.

Für Kirchengemeinden und Diakonie ist es wichtig, Kriegskindern die Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit ihren Erfahrungen und zum Austausch mit anderen Kriegskindern zu geben. Eine solche Gruppe bereitet der Protestantische Diakonissenverein Frankenthal gerade vor.

 



"Äußerlich unversehrt, aber innerlich lebenslang verletzt" – Bericht des Speyerer Seniortrainers Hans Wels

Die betrogene Generation der Jahrgänge 1927 bis 1947 ist noch zahlreich präsent. Geprägt war ihre Kindheit von Bombennächten, Ruinen und zahlreichen Toten. Den Vater im Krieg verloren, gefangen oder vermisst. Die heute 67- bis 87-jährigen Kriegskinder überlebten in Panik und Schrecken Feuerstürme, wurden ausgebombt, verschüttet, evakuiert, flüchteten oder wurden vertrieben. Hilflos und oft allein gelassen, sahen sie Misshandlungen, Erschießungen und Vergewaltigungen.

Professor Dr. Hartmut Radebold, 78, Psychotherapeut und Selbstbetroffener, konnte als Leiter des Kasseler Lehrinstitutes für Alterspsychotherapie das Leben von Kriegskindern lange Jahre wissenschaftlich er- forschen. Er war Gastredner beim Protestantischen Diakonissenverein in Frankenthal. Titel der Fachtagung: „Damals war ich noch ein Kind – Kriegskinder und ihr Lebensweg bis heute“. „Spuren der Geschichte tragen wir lebenslang in uns“, sagte Radebold. Ihre Schulen zerstört, hockten sie Tag und Nacht in Kellern und Bunker, erlebten einen erbarmungslosen Bombenkrieg oder sie wurden knapp ausgebildet, als Kanonenfutter ins Feuer geschickt. Sie waren bei den großen Flüchtlings- und Vertriebenen-Trecks aus den östlichen Gebieten dabei (lt. Wikipedia bis 1949 über 12 Millionen Deutsche – eine Integrationsleistung, die vorher noch nie auf der Welt erbracht wurde). Auf Fotos hatten diese kleinen ernsten „Erwachsenen“ freudlose Augen und ausgemergelte Körper. Äußerlich unversehrt, aber innerlich lebenslang verletzt. Laut Radebold hatten 40 Prozent der Kinder Schlimmes erlebt und 35 Prozent waren hochtraumatisiert. 1945 gab es 20 Millionen Halbweise. In ihrer Kindheit hatten sie nie gelernt zu trauern, wissen nicht wo ihre Väter begraben, hatten keine Pubertät, waren bindungsunfähig, mussten überleben. Ihre Erlebnisse waren Normalität. Sie wurde unter einer dicken inneren Betondecke vergraben. Man hatte andere Sorgen. Das Land musste wieder aufgebaut werden. Geld verdienen ging vor: „Kinder vergessen, es wächst sich aus. Die Zeiten ändern sich, also auch der Mensch. Was nicht weh tut, bringt uns nicht um“. Damit war die Sache erledigt und alle waren zufrieden. Das sei aber ein großer Irrtum, sagte Radebold. Denn längere Traumatisierung in der Kindheit habe Auswirkungen auf das spätere Leben. Es könnte Demenz auslösen, auf eigene Kinder übertragen und sogar genetisch weitervererbt werden. Nach Radebolds Langzeitstudien sind diese Menschen angepasst, erfüllen alle Wünsche der Eltern, können nichts wegwerfen, essen ihren Teller immer leer, sind innerlich ängstlich und skeptisch, aber funktionieren. Im späteren Leben kommen Löcher in den Beton: Dunkle Schatten der Vergangenheit kommen hoch. Bei einem Sirenengeheul, einem Film oder Gewitter ist die alte Geschichte 100prozentig wieder da. „Posttraumatisches Belastungssyndrom“ nennt der Psychoanalytiker solche Panikattacken. Wenn noch Probleme mit der Alltagsbewältigung dazukommen, bestehe ein Risiko für allgemein hohe Ängste und Depressionen. Angehörige oder Betreuer dürfen diese Menschen jetzt nicht alleine lassen: Oft genüge, mit Einfühlungsvermögen darüber zu reden. Weinen zulassen, in den Arm nehmen, fragen, was helfen könnte, zuhören, ermutigen, da sein. Gute Empfehlung sei, eine Biografie zu schreiben oder eine Reise in die alte Heimat zu unternehmen – aber nie allein, betonte der Professor. Braucht es mehr, dann müsse ein geeigneter Psychotherapeut gesucht werden.

Die Diplom-Paäädagoginnen Stefanie Ludwig, Katrin Einert und Gestalttherapeutin Sylvia Weiler sowie Theologe Alexander Kaestner öffneten in drei Workshops etwas die Betonmauern um Herz und Seele: Tragische, traumatisierte Ereignisse wurden von Betroffenen erzählt – und manchmal versagte dabei die Stimme.



Ein bewegendes Theaterstück über Demenz

»Ich komponiere, ich dirigiere, ich bereite alles gewissenhaft vor« – Herr M. ist Dirigent, er geht in der Musik auf, er liebt ihre Farben und Schattierungen. Thomas Borggrefe, Theologe und Schauspieler, verkörpert Herrn M. in seinem Stück »Dachstube«. Am 15. März führte er es auf Einladung des Protestantischen Diakonissenvereins in Frankenthal auf. 120 Besucher erlebten mit, wie Herr M. mit dem Vergessen kämpft. »Wo ist meine Uhr? Ich kann hier nichts liegen lassen, alles ist durcheinander!« Zunehmend bekommt er Schwierigkeiten. Er sieht sie mit Humor: »Manchmal komme ich mit fünf Pfund Kaffee nachhause, aber Kaffee ist gut für die Durchblutung.«

Konzerte kann er schon lange keine mehr geben, aber die Erinnerung daran hält ihn aufrecht. Er benötigt Pflege – »Wer ist diese Frau, sie kommt morgens in mein Zimmer und beginnt mich zu waschen, ich will das nicht! Ich kann das alles noch alleine!« – und gleichzeitig bereitet er das nächste Konzert vor: »In drei Tagen ist die Premiere!« Er bemerkt: »Sie können da oben nicht mehr richtig zusammenarbeiten, Alzheimer macht alles kaputt!« Zu seinem Sohn sagt er: »Haben Sie Paul gesehen?« – »Ich bin Paul.« – »Das kann nicht sein, Paul ist ein zehnjähriger Junge.« – »Papa, Paul aus der Erinnerung ist erwachsen geworden...«

Herr M. bleibt Dirigent bis zuletzt, er lebt in und mit einer Welt aus Tönen. Er bittet uns: »Bitte sagt nicht mehr, Herr M., unser berühmter Dirigent, das war er einmal. Ich habe ihn noch, da oben.« Im Nachgespräch läßt Thomas Borggrefe das Publikum an seiner dreißigjährigen Erfahrung mit Menschen mit Demenz teilhaben. Aus seiner Arbeit als Seelsorger im Altenheim berichtet er, wie feinfühlig Menschen mit Demenz auf der emotionalen Ebene reagieren. Mit seinen Theaterstücken – »Dachstube« ist sein viertes Stück über Demenz – will er verdeutlichen, dass Menschen mit Demenz vor allem eines sind: Menschen. Sie brauchen auch in ihrer komplizierter gewordenen Welt unsere Zuwendung und unsere Einfühlung in die andere Art, wie sie mit uns in Kontakt treten. Thomas Borggrefe läßt es Herrn M. so ausdrücken: »Wenn Sie und ich es zusammen nicht mehr wissen, das ist für mich ein Trost.«

 



Demenzkranken bleiben die Gefühle der Gegenwart (Evangelischer Kirchenbote vom 23. März 2014)



Gemeinsame Wurzeln: Protestantischer Diakonissenverein und Landesverein für Innere Mission

Mit einem Zeitsprung von über 150 Jahren begann Pfarrer Dr. Rainer Wettreck, Vorstandsvorsitzender und theologischer Vorstand des Landesvereins für Innere Mission in der Pfalz e.V., seinen Vortrag am 3. April im Hieronymus-Hofer-Haus. Eingeladen hatte der Protestantische Diakonissenverein Frankenthal e.V. Landesverein und Diakonissenverein haben ihre Wurzeln in der Aufbruchsphase der inneren Mission vor 150 Jahren. Das Massenelend im Gefolge der industriellen Revolution führte, so Dr. Wettreck, zum Kollaps des Fürsorgesystems und der kirchlichen Strukturen. Als Antwort darauf bildeten sich aus dem Bürgertum heraus Hilfsvereine, die christlich motiviert waren und die bestrebt waren, die Armen wieder „auf eigene Füße zu stellen“.

Aus diesem Impuls heraus entstanden Krankenhäuser, Rettungshäuser für Kinder oder Kinderschulen, die Vorläufer der Kindergärten, die sich auf die örtlichen Hilfsvereine stützen konnten. Während der Landesverein für Innere Mission heute zwei Krankenhäuser, neun Altenheime, darunter das Frankenthaler Hieronymus-Hofer-Haus, und ambulante Dienste wie den Ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst Frankenthal/Maxdorf betreibt, der seinen Sitz im Hieronymus-Hofer-Haus hat, hat der Protestantische Diakonissenverein einen Schwerpunkt in der Unterstützung der Ökumenischen Sozialstation Frankenthal. Mit einem neuen Projekt leistet der Diakonissenverein aufsuchende und vorsorgende Hilfe bei älteren Vereinsmitgliedern und gibt so auch eine Antwort auf den demographischen Wandel.

Was diakonische Einrichtungen tun, unterscheide sich, so Dr. Wettreck, oft nicht von dem, was andere täten, der Unterschied läge darin, wie sie es tun würden. In der Unter-nehmenskultur des Landesvereins fänden sich Gedanken des Pfälzer Pfarrers, späteren Frankenthaler Dekans und Oberkonsistorialrats Hieronymus Hofer wieder. Hieronymus Hofer, nach dem das Hieronymus-Hofer-Haus benannt ist, gründete und unterstützte Hilfsvereine wie den Frankenthaler St.-Johannis-Verein, aus dem der Protestantische Diakonissenverein erwachsen ist. In seinem 1858 erschienenen „ABC der Armenpflege“ plädiert er für ein Verständnis von Hilfe als Hilfe zur Selbsthilfe, die die Würde des anderen bewahrt. Gegen das Elend seiner Zeit setzte er auf die Vernetzung von Sparkassen – sie entstanden damals als Unterstützung für Arme –, Kirchengemeinden und der Eigentätigkeit der Betroffenen.

Diese Werte, so Dr. Wettreck, fänden sich heute auch im Selbstverständnis des Landesvereins wieder, dessen Leitbild davon geprägt sei, sich in den Anderen als Mitmenschen, Patienten, Mitarbeiter oder Netzwerkpartner hineinversetzen zu können. Persönliche Zuwendung und Vernetzung und Kooperation benannte er als wichtige Werte auch in schwierigen Zeiten. Für den Protestantischen Diakonissenverein sind diese Werte ebenfalls wichtig, indem er ältere Mitglieder zuhause aufsucht oder sich an der Frankenthaler lokalen Allianz für Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen beteiligt.

 



Frankenthal zur Zeit Hieronymus Hofers

Vom Hieronymus-Hofer-Haus gemeinsam mit dem Stadtarchiv zusammengestellt: ein Eindruck davon, wie Frankenthal ausgesehen hat, als Hieronymus Hofer Dekan in der Stadt war.



»Ich und Du« – Lesung und Musik mit Texten von Martin Buber am 18. Mai 2014 in der Versöhnungskirche

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»Ich und Du«, so war die Lesung mit Texten von Martin Buber und mit Informationen zu seinen Grundgedanken am Sonntag, dem 18. Mai 2014, um 18.00 Uhr in der Versöhnungskirche in Frankenthal überschrieben. Vorgetragen werden die Texte von Seniorenbegleiterinnen und Seniorenbegleitern aus Frankenthal. Musikalisch begleitet wurde die Lesung wird vom Frankenthaler Bezirkskantor Eckhart Mayer, der dafür eigens dialogisch angelegte Musiksücke ausgewählt hatte. Ausgewählt und vorbereitet wurden die Texte von Yvonne Schall, Sylvia Weiler und Horst Roos. Die knapp 50 Besucherinnen und Besucher nutzten nach der Lesung die Möglichkeit zur Begegnung und zum Gespräch.

Seit 2011 gibt es die Seniorenbegleiter-Ausbildung in Frankenthal, unterstützt auch vom Protestantischen Diakonissenverein. Martin Bubers Philosophie der Begegnung ist grundlegend für die Seniorenbegleiter-Ausbildung. Sie macht deutlich, dass es kein Gefälle gibt zwischen demjenigen, der Hilfe erhält und demjenigen, der hilft. Beide brauchen einander, um die Menschen sein zu können, als die sie gemeint sind. Bei den Grundgedanken Martin Bubers, die bei der Lesung vorgetragenworden sind, geht es um die Begegnung von Mensch zu Mensch und darum, wie diese Begegnung beide verwandelt.

Martin Buber, geboren 1878 in Wien und gestorben 1965 in Jerusalem, beschäftigte sich mit jüdischer Frömmigkeit und übertrug gemeinsam mit Franz Rosenzweig die hebräische Bibel ins Deutsche. Er wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, unter anderem mit seinem 1923 erschienenen Hauptwerk »Ich und Du«, wie wichtig der Dialog für uns als Menschen und für eine menschliche Gesellschaft ist. In seinen letzten Lebensjahren wurde sein Engagement mit vielen Auszeichnungen gewürdigt, so erhielt er 1953 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

 
– das Programm mit den Buber-Zitaten und den Musikstücken



Gemeinwesendiakonie – ein Beitrag von Kirchengemeinden und Diakonievereinen für ein gutes Leben vor Ort

Mit Dr. Urte Bejick hatte der Protestantische Diakonissenverein Frankenthal e.V. am 4. Juni eine der Pionierinnen der Altenheimseelsorge in der evangelischen Kirche zu Gast. Die Theologin ist Vertreterin des Diakonischen Werks und des Oberkirchenrats der badischen evangelischen Landeskirche. Seit zwei Jahrzehnten ist sie profilierte Fürsprecherin für die Würde alter Menschen und für eine Kirche aller Generationen. Ihr Vortrag fand im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums des Protestantischen Diakonissenvereins in der Friedenskirche in Frankenthal statt.

Eine biblische Vision stand am Anfang des Vortrags von Dr. Bejick: »Alte Männer und alte Frauen werden noch auf den Plätzen von Jerusalem sitzen, und weil sie so betagt sind, wird jeder seine Stütze in seiner Hand haben. Und die Plätze der Stadt werden voller Knaben und Mädchen sein, die fröhlich spielen auf ihren Plätzen.« Ein Bild aus Sacharja 8, das damals hoffnungsfroh, aber utopisch wirkte, heute aber eher bedrohlich. So viele schutzbedürftige Menschen, so Dr. Bejick, passten nicht zum aktuellen gesellschaftlichen Leitbild der Selbständigkeit, Selbstverantwortung und Autonomie. Übersehen werde dabei, dass das Alter sehr vielfältig geworden sei: von Älteren, die sich gesund und mobil fühlten bis hin zu Älteren, die unsere Unterstützung benötigten. Alter, so Dr. Bejick, hänge heute nicht in erster Linie von der Zahl der Lebensjahre ab, sondern von der Gesundheit und den Teilhabemöglichkeiten. Gerade das Thema Armut im Alter zeige, dass es dort noch viel zu tun gäbe.

Als verhängnisvoll für das Schicksal gerade der hilfebedürftigen Älteren sah Dr. Bejick die zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die vor zwei Jahrzehnten eingesetzt habe. Werde das Risiko, pflegebedürftig zu werden, als rein privates Risiko angesehen und nicht mehr als gesellschaftliche Aufgabe, dann würden die Angehörigen mit der Pflege überfordert und die Pflegebedürftigen würden zum »Fall«. Nicht mehr sie als unverwechselbare Menschen stünden im Mittelpunkt, sondern die Module, nach denen ihre Unterstützung abgerechnet werden könnte. Einen Ausweg weist für Dr. Bejick die gemeinwesenorientierte Altenarbeit. »Wie können wir Quartiere so gestalten, dass alte Menschen darin aktiv teilhaben können und darin auch mit Einschränkungen leben können und beim Umzug in eine stationäre Einrichtung oder ein Heim nicht isoliert sind?«, darum geht es dabei für sie.

»Altengerechte« Stadtviertel oder Dörfer sind für sie dabei auch gute Orte für andere Erwachsene und Kinder, die gleichfalls von einer guten Infrastruktur, von der nahen Arztpraxis, dem Einkaufszentrum, dem öffentlichen Treffpunkt oder dem Nahverkehr profitieren. Ein besonderes Problem heute seien dabei altengerechte Wohnungen, die auch bezahlbar seien. Kirchengemeinden und Diakonievereine wie der Protestantische Diakonissenverein sind für Dr. Bejick dabei ein guter Ansatzpunkt für die Alten- und Generationenarbeit im Quartier. Kirchengemeinden seien mit ihren Angeboten vom Kindergarten bis zur Sozialstation bereits generationenübergreifend und hätten eine lange Tradition, was das Ehrenamt, Erwachsenenbildung, Seelsorge oder diakonische Dienste und Einrichtungen angehe – für Dr. Bejick eine ideale Voraussetzung, um Netze für Ältere zu bilden, wenn alle diese Dienste zusammenarbeiten würden.

Kirche und Diakonie überforderten sich aber, wenn sie diese Netze alleine bilden wollten. Die meisten Jünger Jesu, so Dr. Bejick, wären »Netzwerker« gewesen, nämlich Fischer und keine Angler. Fischen mit einem Netz bräuchte viele Hände und unterschiedliche Akteure. In eine solche Kooperation könnte die Kirche vieles einbringen: Begegnungsstätten und Gemeindehäuser, Seniorennachmittage, die für andere offen sind, die Beratungsarbeit der Diakonischen Werke, Altenheime und Sozialstationen. Mit Beispielen belegte Dr. Bejick, wie viele unterschiedliche Bündnispartner von der Volkshochschule bis zum Second-Hand-Laden es in einem Quartier für eine solche Arbeit gebe. Allerdings müsste es jemand im Quartier in die Hand nehmen.

Als Theologin hinterfragte Dr. Bejick die gesellschaftlichen Leitbilder des aktiven Alten und der Selbständigkeit. Sie plädierte für eine Ethik der Interdependenz und der Aufmerksamkeit. Diese sei ein wichtiger Beitrag der Kirchen zum demographischen Wandel. So könnte Alter unmöglich eine Verlängerung von 40 sein und hätte als Lebensphase eine eigene Aufgabe. Auch könnte Demenz nicht so aufgefasst werden, als bedeute sie den Verlust der vollen Menschlichkeit. Menschen seien von Geburt an mehr oder weniger abhängig, diese gegenseitige Abhängigkeit und Hilfe mache gerade ihr Menschsein aus und dürfe nicht mit Ausgeliefertsein verwechselt werden. Für die alten Menschen schließlich, auf die zwangsweise zukäme, aus der Leistungsgesellschaft zu fallen, bedeute die protestantische Rechtfertigungslehre, »ohne jede Leistung gerecht« zu sein. Für sie gelte am Ende ihres Lebens: »Dein gelebtes Leben zählt so, wie es ist«.

Dekanin Sieglinde Ganz-Walther dankte Frau Dr. Bejick für den anregenden Vortrag, der viele Linien in der aktuellen gesellschaftlichen und kirchlichen Diskussion miteinander verband. Für den Protestantischen Diakonissenverein beinhaltete die Anregung zu einer gemeinwesendiakonischen Ausrichtung eine klare und motivierende Zukunftsperspektive.

 



Die großen und kleinen Dinge, die am Ende des Lebens wichtig sind

Viel Resonanz fand der Vortrag »Was will ich ordnen?« am 14. Juli im Hieronymus-Hofer-Haus. Vor über 80 Besuchern im vollbesetzten Andachtsraum sprach Sabine Tarasinski, Pfarrerin und Koordinatorin im Ambulanten Hospizdienst Frankenthal, über die großen und kleinen Dinge, die am Lebensende wichtig sind. Der Vortrag fand im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums des Protestantischen Diakonissenvereins Frankenthal e.V. statt.

Manches regelten Gesetze von alleine und niemand würde uns zwingen, Weiteres über unser Lebensende hinaus zu regeln, so Sabine Tarasinski, allerdings wäre es nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch im Interesse der Angehörigen, sich Gedanken zu machen. Mit vielen Beispielen aus der Praxis gab sie Impulse für die Zeit, in der jemand noch lebt und für die Zeit nach dem Ableben.

Für die letzte Lebenszeit gebe es die Möglichkeit, eine Vorsorgevollmacht, eine Betreuungsverfügung und eine Patientenverfügung zu erstellen. Das sei, so Sabine Tarasinski, aber nicht alles, was uns am Lebensende bewege. Vielleicht gebe es etwas, das jemand ein Leben lang vor sich hergeschoben hätte oder kleinere Geschenke zu bestimmen. Wichtig sei, darüber zu reden und es aufzuschreiben, was jemand sich selbst für die letzte Lebenszeit wünsche, zum Beispiel wen – oder wen auch nicht – er noch sehen möchte oder wer am Ende bei ihm sein solle. Dazu gehöre auch, was jemand belaste. In einen Lebensordner könnten nicht nur die rechtlichen Verfügungen und das Testament einsortiert werden, festgehalten werden könnten dort auch die kleinen Dinge, die die letzte Lebenszeit sozial und spirituell bestimmen würden.

»Mein Mann hat alles am Computer gemacht, da ist alles Wichtige drin, nur weiß ich die Passwörter nicht« – da heute viele Angelegenheiten über das Internet geregelt werden würden, gehörten dazu auch die Passwörter. In den Lebensordner gehörten auch die Namen, Adressen und Telefonnummern der Menschen, die sich um jemanden gekümmert hätten und die vom Ableben informiert werden sollten.

Wichtig sei auch, so Sabine Tarasinski, die Patientenverfügung um eine Seite mit eigenen Wertvorstellungen zu ergänzen. Was jemand an Schmerzen noch ertragen können und wolle, ob er leben wolle, so lange er gesund sei oder ob er leben wolle, so lange es Menschen gebe, denen er wichtig sei, diese grundlegenden Werte würden dem Arzt einen Weg aufzeigen.

Sei der Tod eingetreten, gebe es noch eine weitere rechtsverbindliche Möglichkeit, etwas zu regeln. Im Organspendeausweis könnte jemand nicht nur seine Bereitschaft oder Ablehnung zur Organspende signalisieren. Im Testament wird der »große« Nachlass geregelt.

Mit welcher Würde nach dem Tod mit mir umgegangen wird, beschäftigt viele Menschen. Dazu gehörten Fragen wie diejenige, ob jemand zuhause aufgebahrt werden möchte, auch wenn er im Krankenhaus verstorben sei, ob die Kinder die Verstorbene/den Verstorbenen noch einmal sehen sollten, ob es eine Trauerfeier geben solle, was die Trauernden tragen sollten oder ob es statt Blumen Spenden für einen guten Zweck geben solle.

Beim Eintritt des Todes würden viele formale Regeln gelten, die zumeist der Bestatter übernehme, die man aber auch selbst regeln könne. Dazu gehörten viele Urkunden wie Krankenkassenkarte, Geburtsurkunde oder Personalausweis, die vorgelegt werden müssten. Ein Lebensordner würde helfen, wichtige Dokumente zusammenzuhalten und zu finden. Hilfreich sei auch eine Liste aller, die zu benachrichtigen seien: Standesamt, Kirchengemeinde, Sozialstation, Sparkasse oder Vermieter zum Beispiel. Auch Versicherungen, Zeitschriftenabos oder Handyverträge gehörten dazu. Auch die Form und Durchführung der Bestattung kann durch einen Bestattungsvorsorgevertrag beim Bestatter geregelt werden.

Zuletzt könne man auch »aus dem Jenseits« Mitteilungen an die Hinterbliebenen machen. Briefe, die erst nach dem Tod zu öffnen seien, könnten beispielsweise Dinge enthalten, die man immer schon sagen wollte. Auch könne man Freunden oder Verwandten Fotos, Videoaufzeichnungen oder Erinnerungsstücke aus seinem Leben zukommen lassen. Auch die Traueranzeige und die Danksagung könne man noch zu Lebzeiten selbst gestalten.

Wie Sabine Tarasinski eingangs sagte, könnte es keine »Checkliste« für die angesprochenen Themen geben, sondern sie wollte sie Impulse geben, um sich mit den kleinen und großen Dingen, die am Lebensende wichtig sind, auseinanderzusetzen. Die angeregte Diskussion während und nach dem Vortrag zeigte, dass ihr das gelungen ist.

 



28. September: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – ein Requiem für Albert Schweitzer" in der Lutherkirche

Am Sonntag, dem 28. September 2014, führte der Projektchor des Protestantischen Dekanats Frankenthal das Singspiel »Die Ehrfurcht vor dem Leben – Ein Requiem für Albert Schweitzer« in der Lutherkirche auf. Das Singspiel von Peter Janssens (Musik) und Stephan Kiepe-Fahrenholz (Text) beschreibt biographisch die Lebensstationen von Schweitzer und seine Wandlungen, Motivation und Gründe für seinen außergewöhnlichen Lebensweg als Theologe, Mediziner und Musiker. Die Leitung hatte Bezirkskantor Eckhart Mayer, der die Lieder zusätzlich mit dem Klavier begleitete und der das Singspiel musikalisch für den Projektchor überarbeitet hatte. Im Anschluß an die Aufführung standen die Zuhörer noch lange im angeregten Gespräch zusammen.
 



Arm, alt, krank – oder optimistisch und fröhlich? Vortrag von Dr. Christoph Rott am 10. Oktober 2014

»100 Jahre, wär’ das was?« – Mit dieser Frage leitete Dr. Christoph Rott vom Heidelberger Institut für Gerontologie seinen Vortrag am 10. Oktober 2014 im protestantischen Gemeindezentrum in Mörsch ein. Besonders in den hohen Altersgruppen gebe es viel Dynamik, eine enorme kulturelle Errungenschaft. Die guten Lebensbedingungen sorgten zum Beispiel dafür, dass die Hälfte der Frauen heute 85 Jahre alt werden würden, vor 50 Jahren waren es noch 75 Jahre. Entgegen der landläufigen Meinung würden 97 Prozent der Lebenszeit auch frei von Pflege verbracht. Aber auch ein umgekehrter Trend sei zu beobachten: Die Lebenserwartung sei bei Menschen mit höherer Rente höher und die Kluft zu Beziehern kleiner Renten werde zusehends größer.

Die Mehrheit der 65- bis 85-Jährigen, so Dr. Rott, fühlten sich heute im Schnitt zehn Jahre jünger als es ihrem Alter entsprechen würde. Im Schnitt seien sie mit ihrem Leben überdurchschnittlich zufrieden. Auch die Hochaltrigen und Hundertjährigen, denen Dr. Rott in zwei Studien begegnet ist, würden aus ihrem Leben das Beste machen. Sie würden, trotz aller Einschränkungen, das Leben als in hohem Maße lebenswert betrachten.

Ältere Menschen hätten heute generell große Erwartungen an das eigene Leben, darunter den Wunsch nach Gesundheit und Unabhängigkeit. Risiken wie nachlassende Mobilität oder Demenz stünden dem gegenüber. Hier läge es am Einzelnen und an der Gesellschaft, Wünsche und Risiken miteinander zu vermitteln, beispielsweise durch einen gesunden und aktiven Lebensstil und gute Unterstützung. Gerade das Thema Demenz beschäftigte viele der Zuhörer: Viele Fragen an Dr. Rott im Anschluss an seinen Vortrag bezogen sich auf das Thema Prävention bei Demenz.

»Angst dürfen wir uns nicht machen lassen«, diese Konsequenz zog die Vorsitzende des Protestantischen Diakonissenvereins, Dekanin Sieglinde Ganz-Walther, am Ende des Abends. Es lohne sich, bis ins hohe Alter durchzuhalten, was uns als Menschen ausmache, vor allem die Hoffnung.

 



Die Liebe Gottes unter uns sichtbar machen – Festgottesdienst zum 150-jährigen Jubiläum des Protestantischen Diakonissenvereins Frankenthal e.V.

1864 war der Protestantische Diakonissenverein Frankenthal e.V. gegründet worden. Mit einem Festgottesdienst in der Jakobuskirche feierte der Protestantische Diakonissenverein Frankenthal e.V. am 5. Dezember den Abschluss seines Jubiläumsjahres, das er mit einem vielfältigen Programm begangen hatte und das unter dem Motto »Menschlichkeit mit Zukunft« stand.

In ihrer Begrüßung benannte Dekanin Sieglinde Ganz-Walther als Aufgabe der Diakonie, Liebe, Zuwendung und Wertschätzung, die wir von Gott bekommen hätten, weiterzugeben. Dies hätten die Menschen im 19. Jahrhundert erkannt, als sie den Verein gründeten. Gleichzeitig sei der Weg der Liebe und Barmherzigkeit zu den Menschen auch ein Weg in die Zukunft, den wir gestalten könnten.

Ehrenamt mit Leidenschaft – darin sah der Diakoniepfarrer der Evangelischen Kirche der Pfalz, Albrecht Bähr, der die Festpredigt hielt, eines der Kennzeichen des Protestantischen Diakonissenvereins. Die Ehren- und Hauptamtlichen der Ökumenischen Sozialstation e.V., die den Dienst der Diakonissen übernommen hätten, leisteten nicht nur Hilfe, so Bähr, sondern begegnetem dem Anderen als Schwester oder Bruder. Ausschlaggebend seien die menschlichen Kontakte, die dem Anderen vermittelten: »Du bist uns etwas wert«.

Dass alte und dementiell belastete Menschen so gut und so lange es ginge ihr Leben an Orten gestalten könnten, die ihnen nicht fremd seien oder dass zu Menschen, die durch Krisen, Krieg oder Terror gezeichnet seien, eine Beziehung entstehen könne, die ihrer Würde gerecht werde, darin sah der Diakoniepfarrer mögliche neue Arbeitsfelder des Vereins. Dem Verein wünschte er weiterhin lange Jahre des Wirkens »mit dem langen Atem der Leidenschaft«.

 



– Evang. Kirchenbote vom 14.12.2014.pdf

 

 
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