Unterstützung für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen

Verwirrtsein ist Alltag – Wie Störungen in der Normalität uns bereichern

Dass es »normal« ist, verschieden zu sein, machte Maria Hoppe, die Leiterin des Projekts »Entwirrt Alzheimer« des Österreichischen Instituts für Validation, bei ihrem Vortrag für den Protestantischen Diakonissenverein Frankenthal e.V. deutlich. Besonders das Verhalten von Menschen mit Demenz könnte uns herausfordern, aber auch bereichern, so Hoppe.

Bei der Verwirrtheit im hohen Alter tritt die innere Welt der Menschen stärker in den Vordergrund, dass sie unbedingt etwas tun müssten. Äußere Anstöße wie Geräusche, Gerüche, Berührungen können »Fahrkarten in die Vergangenheit« werden, die jemanden blitzschnell in eine unvorhergesehene emotionale Situation bringen. Menschen mit Demenz holen sich etwa Situationen aus der Vergangenheit vor ihr geistiges Auge, in denen es ihnen gut gegangen, sich gebraucht und nützlich gefühlt haben.

Menschen, so Hoppe, möchten ihre Identität und Würde bis zum Schluss bewahren. Auch wenn sie sich im Verlauf einer Demenz vielleicht von sich aus selbst nicht mehr äußern, sind sie in ihrer inneren Welt mit irgendetwas beschäftigt, atmen heftig, schreien »Hallo« oder liegen einfach da, und wir können sie verbal und nonverbal auf ihrem letzten Weg begleiten. Im Alter brauchen wir, so Hoppe, nicht mehr alle Telefonnummern zu wissen, aber wir schätzen Zuwendung und Einfühlen in unsere Situation.

Menschen mit Demenz wollen in den Alltag eingebunden bleiben. Würden wir uns auf sie einlassen, so Hoppe, seien sie keine »Störfaktoren«, sondern brächten uns auch zum Innehalten. Sie hätten nicht nur die Jahre voraus, die sie älter seien als wir, im Kontakt mit ihnen können wir von ihnen lernen. Die Begleitung von Menschen mit Demenz sei nicht nur eine sinnvolle Aufgabe, sondern auch mit gemeinsamem Wachsen verbunden: Einblicke in die Welt machen auch uns selbst reicher. Ein gelingender Umgang könnte dazu führen, dass sich sowohl die Menschen mit Demenz und wir selbst uns besser fühlen.

 



"Wir müssen nicht warten, bis jemand die Diagnose Demenz bekommt" – Lesung mit Helga Rohra am Weltalzheimertag

»Ganz nüchtern betrachtet ist Demenz nichts, für das man sich schämen müßte, jeden kann es betreffen.« Helga Rohra war Mitte 50, als sie die Diagnose Lewy-Body-Demenz erhielt. 282.000 Menschen mit Demenz gibt es in Deutschland, die nicht älter sind als 50, die Jüngste davon mit 17. Helga Rohra gehörte zu dieser Gruppe von Menschen, die durch die Demenz mitten aus dem Leben gerissen werden. Im Gegensatz zu den hochbetagten Menschen, die eine Alzheimer-Demenz bekommen und die in einem Alter sind, in dem sie gerne etwas vergessen dürfen, haben diese eventuell selbst noch kleine Kinder und ihre Eltern sind gesund.

50 Teilnehmer nahm Helga Rohra am Welt-Alzheimertag, dem 21. September 2013, im Hieronymus-Hofer-Haus mit auf ihren langen Weg, bis sie Klarheit über ihre Erkrankung bekommen hatte. Auf diesen Weg mußte sie sich unfreiwillig begeben. Es dauerte über ein Jahr, bis sie von den ersten Wortfindungsstörungen und Orientierungsproblemen, den Schwierigkeiten, einen Laptop zu handhaben, großer Erschöpfung und vielen Tränen an einen Arzt geriet, der ihr mit Gewißheit sagen konnte, worunter sie leidet. »Sie wissen nicht, was mit ihnen ist, sie fühlen sich schuldig, weil sie nicht arbeiten können« sagt sie rückblickend auf diese Zeit.

Geholfen hat ihr, daß sie sich nicht aufgegeben hat: »Ganz gleich, wie die Diagnose lauten wird, ich frage nicht warum, sondern ich frage, was kann ich tun«. Im Jahr nachdem sie ihre Diagnose erfahren hatte, dachte sie tatsächlich, es sei ihr Ende – der Arzt hatte ihr geraten, sich bald ein Altenheim auszusuchen und eine Patientenverfügung aufzusetzen. Es war schwer für sie zu sehen, daß alles, worüber sie sich bis dahin definiert hatte, wegfiel. Helga Rohra war erfolgreiche Dolmetscherin im medizinischen Bereich. Als sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte, haben auch ihre Kollegen und Freunde sie vergessen.

Helga Rohra lernte sich zu lieben mit dem, was sie noch hatte. Sie entdeckte: »Ich kann noch vieles«. Daß sie sich heute für Menschen mit einer frühen Demenz einsetzen kann, führt sie auf ihren Neurologen zurück, ganz stark aber auf ihre Einstellung und ihrem Glauben und auf die Menschen, die sie teilnehmen lassen. Am Anfang ihres Wegs mit der Demenz war für sie die Unterstützung durch Hauptamtliche der Alzheimergesellschaft und durch ihre Teilnahme an einer Gruppe gleichfalls Betroffener wichtig: »Ich habe den Menschen gebraucht«.

Heute sieht Helga Rohra: »Demenz ist ein Anfang«. Wichtig sind ihr Begegnungen auf Augenhöhe und mit Empathie. Deutschland ist leider eine Ausnahme in Europa, was die Menschen mit Demenz in einer frühen Phase angeht, es ist das einzige Land unter 44, in dem es keine Gruppen mit Menschen mit Demenz in diesem Stadium gibt. Auch im Parlament gibt es keine Vertreter, die sich für Menschen mit Demenz in einem frühen Stadium stark machen. Diese bekommen bei uns nicht einmal einen Behindertenausweis.

»Ich will Mut machen«, darin sieht Helga Rohra heute ihre Aufgabe. Sie geht davon aus: »Jeder Mensch in der Demenz ist anders«. Deshalb gelte es, bei Demenz nicht sofort an Menschen mit einer Alzheimer-Demenz zu denken, diese sei eine Erkrankung eines alten Gehirns. Ihr Motto in Fragen der Demenz ist: »Bewußtsein verändern – Angst nehmen – die verschiedenen Gesichter der Demenz zeigen«. Und sie sagt: »Wir müssen nicht warten, bis jemand die Diagnose Demenz hat«, ihre Frage am Schluß lautete: »Sind wir eigentlich offen miteinander, warmherzig und freundlich?«

In ihrer Begrüßung nahm Dekanin Sieglinde Ganz-Walther einiges davon vorweg, indem sie betonte, daß wir auch etwas für unsere Seele bräuchten, das uns ermutigt und stärkt und daß wir uns mit der Gedankenwelt von Menschen mit Demenz auseinandersetzen und die Anstöße daraus aufnehmen müßten. Sie setzte sich ebenfalls für das Recht auf Beteiligung und Mitsprache für die Menschen mit Demenz ein. Eingeladen zur Lesung mit Helga Rohra hatten neben dem Protestantischen Dekanat Frankenthal das Hieronymus-Hofer-Haus, die Ökumenische Sozialstation und der Pflegestützpunkt Frankenthal. Musikalisch umrahmt wurde die Lesung von Frau Ria Pelikan am Flügel.

 





Qualifizierte Menschlichkeit - die Begründerin der Validation im Dathenushaus

Naomi Feil

Mit über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern fand am 7. Juni 2013 ein ganztägiger Workshop mit Naomi Feil im Dathenushaus statt. 1963, also vor fünfzig Jahren, begann die amerikanische Sozialarbeiterin und Gerontologin Naomi Feil ihre Validations-Methode zu entwickeln. Eingeladen hatten der Landesverein für Innere Mission e.V. und dessen Validationszentrum, Schirmherrin der Veranstaltung war die Frankenthaler Dekanin Sieglinde Ganz-Walther. Naomi Feils Vision des anderen Umgangs mit dementen Menschen, wie der theologische Vorstand des Landesvereins für Innere Mission e.V, Pfarrer Dr. Rainer Wettreck, bei der Begrüßung sagte, unterstütze der Landesverein für Innere Mission – ein weiteres Jubiläumsdatum – seit 15 Jahren. Und seit 25 Jahren komme Naomi Feil zu Workshops über Validation nach Europa. Qualifizierte Menschlichkeit im Umgang mit dementen Menschen, so Dr. Wettreck, sei auch das, was Validation ausmache. Naomi Feil habe Menschen berührt, Unsicherheiten und Befremdungen abgebaut und Verstehen ermöglicht.

»Altenheimer«, nicht Alzheimer

Im Workshop weckte Naomi Feil Verständnis für den mit den zunehmenden Jahren verbundenen natürlichen Abbau: »Du hast kein Alzheimer, Du hast Altenheimer!« Wenn wir 90 Jahre alt werden würden, hätten 90 Prozent von uns die typischen Alzheimer-Plaques im Gehirn – aber nicht unbedingt Alzheimer. Das Thema, das für sie im Vordergrund steht, ob wir an Demenz leiden oder nicht, ist es, in Würde gehen zu können. Dazu müsse man sich für das Alter bereit machen. Drei Schritte seien dazu nötig: »Ich schaue mein Leben an. Ich schaue an, was ich bin. Ich schaue an, was ich tun wollte.« Sein Alter mit den körperlichen Einbußen, alles das, was nicht gelungen sei und wo man nicht dazugekommen sei, alles das, was man anderen schuldig geblieben sei – alles das müsse integriert werden. Man müsse Kompromisse schließen, alle die losen Fäden in seinem Leben miteinander verknüpfen und sich selbst vergeben. Dann sei es möglich in Würde zu sterben – in dem Gefühl, froh zu sein, dass man geboren worden sei.

Die Weisheit hinter der Desorientierung

Alt zu werden, so Naomi Feil, sei schwer. Für sie gilt es, ein amerikanisches Sprichwort zu beherzigen: »Row with the punches« – mit den Schlägen, die man im Leben erleidet, »mitgehen«. Das Leben sei wie ein Klavier, das viele Tasten für uns bereithalte. So komme es darauf an, schon frühzeitig zu lernen, Verluste auszugleichen, indem man sich auf die anderen Tasten besinne. Dass Menschen sich im hohen Alter auf die Desorientierung zurückziehen, hängt für Naomi Feil auch damit zusammen, wie man in seinem Leben gelernt hat, mit Verlusten umzugehen und sich den damit verbundenen Gefühlen zu stellen. Menschen, die sich selbst gegenüber nie ehrlich gewesen seien mit ihren starken Emotionen, kämen im hohen Alter in die Situation, diese nicht mehr kontrollieren zu könnten: »Wenn wir unsere Emotionen unterdrücken, wachsen sie und nach vielen Jahren tun sie weh«. Demenz hätte deshalb auch mit der Weisheit der alten Menschen zu tun: »Die Menschen müssen zurück in die Vergangenheit gehen, sie wollen sich heilen«.

Aufarbeiten als letzte Lebensaufgabe

Ältere Menschen wollten nicht sterben mit soviel Schmerz. Die letzte Lebensaufgabe sei deshalb das »Aufarbeiten«. Die Aufgabe der Validation sei es, Menschen dabei zu unterstützen. Validationsanwender sagen den alten Menschen nicht, was sie zu tun hätten, sondern helfen ihnen dabei, ihre Gefühle auszudrücken: »Validation geht mit dem Rhythmus eines Menschen und hört ihn an«. Ein alter Mensch sei dann nicht wieder orientiert und fit, aber fühle sich wohler, er könne seinen Koffer fertig machen für die letzte Reise.

In vielen praktischen Beispielen und immer in Kontakt und im Dialog mit dem Publikum stellte Naomi Feil die Besonderheit der Validation heraus: Validationsanwender hätten Einfühlungsvermögen für alte Menschen, sie lenkten sie nicht ab oder nutzten »therapeutische Lügen«, wenn diese Kummer haben. Als Validationsanwender müssen man Empathie haben und wirklich fühlen, was der alte Mensch, den man validierend begleitet, fühle – gleich, ob es Angst, Freude oder Wut sei. Zwar benutze die Validation auch Techniken, diese seien ohne Empathie aber »überflüssig«.

»Standing ovations« für Naomi Feil


Naomi Feils tiefes Mitgefühl, ihr großes Verständnis der Situation alter Menschen und ihrer Bedürfnisse und ihr liebenswerter Humor führten immer wieder dazu, dass der Workshop durch Beifall und Lachen unterbrochen wurde. Am Ende verabschiedeten sich die Teilnehmer von ihr mit »standing ovations«. Für das protestantische Dekanat war der Workshop ein großes Ereignis, rund dreißig Ehren- und Hauptamtliche aus dem Dekanat beteiligten sich daran. Und für Frankenthal war der Workshop eine wertvolle Unterstützung dafür, Validation weiter in die Gesellschaft zu bringen – wer Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen in die Mitte nehmen will, muss auch wissen, wie es geht. Vielen Dank an Naomi Feil, die in Frankenthal viele Freundinnen und Freunde gefunden hat und mit ihrem Workshop – wie sie es seit fünfzig Jahren tut – Validation enorm weitergebracht hat.

Wo kann man Validation lernen?

Das Validationszentrum beim Landesverein für Innere Mission in der Pfalz e.V. ist eines der vier von Naomi Feil anerkannten Validationszentren in Deutschand. Sein Sitz ist in Wachenheim. Die nachfolgenden Flyer informieren über das Validationszentrum und die nächsten Basisseminare in Validation.

 
- Informationen üer das Validationszentrum in Wachenheim



Eine besondere Gruppe für Menschen mit Demenz

Validationsgruppen stärken Menschen mit Demenz. Im Rahmen eines freiwilligen Praktikums im Hieronymus-Hofer-Haus war Niklas Jacobs Gast bei einer Validationsgruppe im Hieronymus-Hofer-Haus. Seinen Bericht dürfen wir mit seiner Erlaubnis hier wiedergeben:

Ich hatte nur eine vage Vorstellung davon, was „Validation“ bedeutet und was sie bewirkt. Nach einer kurzen Einführung von Frau Hagemann nahm ich also auf einem Stuhl in der Ecke des Raumes Platz. Zunächst wurde jeder der fünf Teilnehmer der Gruppe mit ein paar persönlichen Worten begrüßt und an die ihm oder ihr zugeteilte Rolle innerhalb der Gruppe erinnert. Anschließend hat die Vorsängerin das Lied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ angestimmt, bevor gemeinsam über das Thema „Was ist wichtig im Leben“ diskutiert wurde.Ich persönlich fand es erstaunlich, wie intensiv die Senioren am Geschehen teilgenommen haben. Einige der Mitglieder hatte ich in den vorangegangenen Wochen schon in der Tagespflege für Demenzerkrankte kennengelernt, weshalb ich besonders verwundert über das völlig andere Auftreten dieser Menschen war.
Mir schien es, als seien alle Teilnehmer der Gruppe auf Augenhöhe, egal wie alt oder in welcher körperlichen oder geistigen Verfassung. Alle wurden von der Gruppenleitung, bestehend aus Frau Hagemann und Herrn Roos, geduldig einbezogen. Die Mitglieder der Validationsgruppe fühlten sich dadurch wichtig genommen und wertgeschätzt.
Nach der Gesprächsrunde gab es Getränke und Kekse, von der Gastgeberin verteilt. Danach wurde noch ein Lied gesungen und bei einer Ballrunde ein roter Ball von den Teilnehmern hin- und hergeworfen.
Hierbei fiel mir erneut auf, wie die Senioren genau das Zentrum des Geschehens beobachteten und sehr aufmerksam waren, während ich sie außerhalb der Gruppe als eher abwesend erlebt hatte.
Zum Abschluss der Runde wurde noch ein letztes Lied („Kein schöner Land“) gesungen, woraufhin die Vorsängerin ein Gebet sprach, bevor jeder einzelne verabschiedet wurde.
Die Validationsgruppe hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich in der Pflege Zeit für den Einzelnen zu nehmen und ihm ein Gefühl von Zugehörigkeit zu geben. Mir scheint es, als könnten die Bewohner daraus Kraft schöpfen, was zum Beispiel daran zu sehen war, dass eine Seniorin, der normalerweise das Essen gereicht wird, in der Gruppe selbstständig aus einem Glas mit Strohhalm trank.
Innerhalb der Gruppe gab es eine besondere Verbundenheit, die den Teilnehmer sehr gut getan hat.

- Für seinen Bericht danken wir Herrn Niklas Jacobs sehr. Informationen über Validation und über die Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen finden Sie hier.

 



"Der Erkrankung den Schrecken genommen" - Intensivseminar für Angehörige von Menschen mit Demenz erfolgreich abgeschlossen

»Wir wollen zusammen bleiben« - das war das Fazit von elf Angehörigen von Menschen mit Demenz, die am ersten Intensivseminar über Validation im April im Hieronymus-Hofer-Haus teilnahmen. An drei Tagen beschäftigten sie sich mit den Themen Demenz und Validation, während vier ihrer erkrankten Familienmitglieder vom Hieronymus-Hofer-Haus betreut wurden.Während die Angehörigen sich zunächst bei Hedwig Neu, der Leiterin des Wachenheimer Validationszentrums nach Naomi Feil, über Validation informierten, bereiteten Birgit Gakstatter und Andreas Jakubowski vom Hieronymus-Hofer-Haus, beides Validationslehrer, die erkrankten Angehörigen auf eine Validationsgruppe vor. Bei dieser Gruppe waren die Angehörigen dann dabei – und sie waren sehr berührt davon, ihre Angehörigen ganz anders zu erleben. Viel Freude hat allen auch das gemeinsame Koch und Essen gemacht. »Es war so schön, etwas zusammen zu machen« meinte eine der dementen Teilnehmerinnen. Die dementen Menschen waren dabei, »als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten«, wie Heimleiterin Nicola Hagemann berichtet. Die Verbindung von Theorie und Praxis – etwas über Validation erfahren und praktisch sehen zu können, was sie bewirkt – hat viele Türen geöffnet, hat Nicola Hagemann beobachten können. Nach den drei Tagen, so sagt sie, hat nicht mehr der Schrecken der Erkrankung im Vordergrund gestanden, sondern die Beziehung zum erkrankten Angehörigen. Ein Nachdenken über sich selbst und über den Umgang mit den erkrankten Angehörigen und der Erkrankung hat eingesetzt. Auch die betreuten Angehörigen fühlten sich bestärkt, geborgen, anerkannt und wertgeschätzt, wie Hedwig Neu, eine von sechs Validation Mastern weltweit, am Ende feststellte. Es war zu sehen, so Nicola Hagemann, wie Validation das Selbstwertgefühl von beiden, von den Menschen mit Demenz und von den Angehörigen, stärkt. Zu spüren war auch immer wieder die Weisheit der Menschen mit Demenz: »Wir brauchen unsere Zeit, um uns anzunehmen« und »Man sollte nicht aufgeben« meinte eine der Teilnehmerinnen mit Demenz. Dem ist nichts hinzuzufügen.

 



»Liebe« - ein realistischer Film

Genau 100 Besucher sahen den Film »Liebe«, eingeladen vom Seniorenbeirat und dem Protestantischen Dekanat Frankenthal und unterstützt von Herrn Kaltenegger von den Lux-Kinos. Im Anschluss an den Film gab es die Möglichkeit zum Gespräch mit Dekanin Sieglinde Ganz-Walther, Sigrid Weidenauer-Sauer vom Pflegestützpunkt und Nicola Hagemann vom Hieronymus-Hofer-Haus, das viele Besucher nutzten.

Nach ihrem Eindruck vom Film gefragt, meinte Nicola Hagemann, dass er schrecklich schön sei. Die Situation des Paares, um das es im Film geht, und das sich liebt und doch überfordert ist, sei sehr realistisch dargestellt. Für Sieglinde Ganz-Walther ging der Film auch darum, wie wir Krankheiten und Sterben annehmen könnten. Erschreckend sei, wie das Ehepaar hilf- und sprachlos geworden sei. Sigrid Weidenauer-Sauer bekräftigte, dass alle Hilfsangebote das Annehmen erst einmal nicht abnehmen könnten.Erschrocken ist Nicola Hagemann auch darüber, dass keine Vorsorge getroffen worden sei und niemand sich gefragt hätte »Was will ich?«. Dann sei es schwierig mit einer Situation wie der im Film, wenn jemand Essen und Trinken verweigere, umzugehen. Aus ihrer täglichen Erfahrung bestätigte Sigrid Weidenauer-Sauer, dass viele die Themen Vorsorge oder Patientenverfügung einfach ausgeblendet hätten.

Ein Grund dafür ist für Sieglinde Ganz-Walther der verständliche Wunsch, bis zuletzt zuhause zu wohnen und unabhängig und gesund zu bleiben. Nur manchmal spiele das Leben anders. Besonders bei Demenz sei eine Betreuung zuhause kaum möglich, wenn nicht rund um die Uhr jemand da sein könne. Unser Bestreben nach Autonomie stoße dann an Grenzen, wenn man bei Krankheit auf Hilfe angewiesen sei.

Für einen anderen zum Mörder zu werden ist keine Lösung

»Ich will jetzt sterben« - zu diesem Wunsch vieler Älterer, der auch im Film geäußert wurde, gab es im Publikum eine kontroverse Diskussion. Wenn ein Mensch – wie im Film geschehen – nicht mehr essen und trinken wolle, bestimme er sein Ende selbst. Keinesfalls sei es eine Lösung, wie Sieglinde Ganz-Walther betonte, wenn ein Mensch für einen anderen zum Mörder werde: »Das ist keine Liebe«. Für Nicola Hagemann hat die Situation am Ende des Lebens auch mit Geduld, Abwarten und Ausdauer zu tun. Für sie kommt es darauf an, den Weg des alten Menschen mitzugehen, wobei jeder Prozess anders sei. Eine große Hilfe dabei sei der ambulante Hospizdienst, den es auch in Frankenthal gebe.

Sich engagieren, für Krankheiten vorsorgen, sich über das Leben im Alter Gedanken machen

Für Nicola Hagemann spielt sich das eigentliche Drama in der Gesellschaft ab. Sie appellierte an die Bürger, sich für eine demenzfreundliche Kommune einzusetzen und die dementen Menschen in Frankenthal mit dem zu integrieren, was sie nicht mehr könnten. Für Sigrid Weidenauer-Sauer ist das auch eine Möglichkeit für die »fitten« Senioren: »Es gibt so viele Angebote, sich ehrenamtlich zu engagieren!«

»Ich muss jetzt anfangen, mich einzubringen, Kontakte zu knüpfen, bevor es zu spät ist« war das Fazit einer Besucherin. Auch der Ratschlag von Sieglinde Ganz-Walther war es, jetzt schon damit anzufangen, in der Familie darüber zu sprechen, wie man im Alter leben wolle. Außerdem, so Sigrid Weidenauer-Sauer, könne man sehr viel präventiv tun, um Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder lange hinauszuzögern.

»Sich engagieren, für Krankheiten vorsorgen, über das Leben im Alter Gedanken machen« - mit diesen drei Merkpunkten schloss Sieglinde Ganz-Walther die Diskussion. Und besonders wichtig: »Ich muss es nicht alleine schaffen, es gibt Hilfe.« Eigens für die Veranstaltung stellte Sigrid Weidenauer-Sauer ein Verzeichnis mit allen Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zusammen, das im Pflegestützpunkt nachgefragt werden kann. Alle drei Referentinnen sind auch nach der Veranstaltung für Fragen da.

 



Boys Day: „Die, die schwach aussehen, sind eigentlich ganz stark“

Zoom (1.4 MB)

Dustin Pauli (12) und Steven Benner (13) hatten am Boy´s Day im Hieronymus-Hofer-Haus jede Menge zu tun. Die beiden Jungen hatten sich ihren Einsatzort selbst gewählt. In der beschützten Tagespflege für Menschen mit Demenz stellten sie mit den Senioren gemeinsam Musikinstrumente her. „Die, die schwach aussehen, sind eigentlich ganz stark“, das war das Resümee von Steven Benner, der erstaunt war, wie aktiv die Senioren beim Herstellen der Instrumente waren. Marmor, Stein und Eisen bricht war dann das Lieblingslied von jung und alt und beim gemeinsamen Trommeln hatten die Senioren viel Freude an den beiden jungen Menschen. „Das sind ja richtige Gassenhauer“ fand Irene Nastoll und freute sich an der Einsatzfreude der beiden Jugendlichen. „Alte Menschen sind ja gar nicht langweilig, die haben ja ganz schön was drauf; eigentlich viel zu schade, dass wir jetzt gehen müssen“, meinte Dustin Pauli am Ende des ereignisreichen Tags.

 



Erste-Hilfe-Flyer Demenz

Wie kann man mit altersverwirrten Menschen in Kontakt bleiben? Wo können Angehörige von Menschen mit Demenz Rat und in Hilfe erhalten? »Lass mich so sein wie ich bin« heißt der neue »Erste-Hilfe-Flyer« Demenz, den das protestantische Dekanat herausgegeben hat. Er enthält Tips für die Kommunikation mit Menschen mit Demenz und die Adressen von Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen in Frankenthal und Umgebung.

Lass mich so sein wie ich bin!