Kirche im Gefängnis

Was ist Gefängnisseelsorge?

Von außen ist sie nicht sichtbar – kein Kirchturm ragt über die Gefängnismauern.
Dennoch: Es gibt sie – die Kirche im Gefängnis.
Hier versammeln sich Menschen, die oft (noch) gar nicht wissen, was sie hier eigentlich suchen, die dennoch kommen, von ihrem Leben erzählen, die hören, singen, beten, Kerzen anzünden für ihre Angehörigen draußen.

In jedes Gefängnis auf dem Gebiet der evangelischen Kirche der Pfalz (Frankenthal, Zweibrücken, Jugendstrafanstalt Schifferstadt und die Sozieltherapie in Ludwigshafen) schickt unsere Landeskirche Seelsorger. Sie tut es, weil sie diese Aufgabe als biblisch begründet ansieht: „ Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Matth. 25, 36)
Aber warum arbeite ausgerechnet ich in einem Gefängnis? Was lebt in mir, das mit diesem Auftrag in Resonanz geht? Ich habe entdeckt, dass ich immer dann besonders motiviert bin, wenn es darum geht, aus Unordnung Ordnung zu machen, Chaos zu strukturieren, aus „verletzt“ „heil“, oder aus „nicht integriert“ „integriert“ zu machen. Eine Bewegung, die sich in vielen Heilungs- und Hoffnungsgeschichten der Bibel wiederfindet. Die Bibel lehrt mich gleichzeitig, dass Gebote zwar eine Orientierung sein wollen und sollen, dass sie aber Menschen nicht zu erlösen vermögen. Sie sind nicht geeignet, menschlicher Not zu begegnen. Statt eines „du sollst“ kann nur eine Zuwendung ohne Bedingungen und Voraussetzungen helfen.

Menschlicher Not begegne ich täglich. In meiner Gemeinde versammeln sich Menschen verschiedenster Konfessionen, Religionen, Nationalitäten. Eine konfessionell ausgerichtete Spiritualität tritt hier eher in den Hintergrund, zumal die meisten nicht kirchlich sozialisiert sind. Allen gemeinsam ist aber eine bewusste oder unbewusste Suche nach Leben!

Zu meiner Gemeinde gehören in erster Linie Inhaftierte, aber auch Mitarbeitende und Angehörige.
Mitarbeitende besitzen zwar aus der Sicht der Inhaftierten wegen ihrer Schlüsselgewalt viel Macht, erleben sich selbst aber oft ohnmächtig im Zielkonflikt zwischen „humanem“ und „sicherem“ Strafvollzug. Zu meiner Gemeinde gehören auch die Angehörigen, die sich oft mehr bestraft fühlen als der Inhaftierte selbst, weil sie draußen alles auffangen müssen o h n e die sonst gewohnte Unterstützung des Familienvaters und (Mit-)Ernährers und sich gleichzeitig oft zurückziehen, weil sie die Ablehnung und Ausgrenzung ihrer Umwelt befürchten, wenn sie offen über ihre Situation sprechen würden. Wie soll man diese Situation den eigenen Kindern erklären? Wie soll man selbst mit all den widersprüchlichen Gefühlen zwischen Wut, Angst, Zweifeln („kann ich ihm noch vertrauen?) und Hoffnung dem straffällig gewordenen nahen Angehörigen begegnen?

Was kann da die Seelsorge ausrichten?
Für Gespräche zur Verfügung stehen, wahrnehmen, zuhören. Zeit haben. Da sein. Vermitteln. Kontakte herstellen oder unterstützen … zwischen drinnen und draußen.
Natürlich sind auch ganz praktische Dinge gefragt: Briefmarken besorgen, sich darum kümmern, dass der Einkauf doch noch zustande kommt, Tischtennisbälle sponsern, damit am Abend das Turnier stattfinden kann, Malstifte und Papier verteilen, Gitarren ausleihen, mal telefonieren lassen, wenn das Telefonkonto schon leer ist vor der nächsten Buchung, Inhaftierte bei ihren Ausgängen begleiten, wenn keine Angehörigen zur Verfügung stehen, mit dem Gefangenenchor Lieder einüben, in der Passionszeit die neue Osterkerze mit Inhaftierten gestalten und vieles mehr. In all dem geht es mir um die Begegnung.
Ich will nicht belehren. Nicht einmal Ratschläge will ich erteilen. Ich mache niemanden „besser“ oder „anständig“. Ich verändere niemanden. Ich gebe Raum, in dem ich einem Menschen begegne ohne zu urteilen. Die Tat(en) kann ich ablehnen, nicht aber den Menschen.
Ich therapiere nicht – dazu bin ich gar nicht ausgebildet. Aber oft bin ich die erste „Anlaufstelle“, manchmal „der rettende Strohhalm, wenn sonst gar nichts mehr geht!“ (Zitat eines Inhaftierten).
Ich „erziehe“ auch niemanden, ich trete in Be-ziehung. Ich gebe ehrliche Rückmeldung. Ich fühle mit. Ich konfrontiere. Ich stelle Fragen. Ich ermutige und bestärke. Und manchmal kann ich das Unabänderliche auch einfach nur mit aushalten.

Eine Inhaftierung ist eine sehr außergewöhnliche Situation. Einerseits wird hier das Leben als leer empfunden, weil anregungsarm. Und andererseits trägt Haft gleichzeitig zu einer Art Verdichtung der Selbstwahrnehmung bei. Draußen war es viel leichter, sich permanent abzulenken. Hier drängen sich die Fragen und Probleme des eigenen Lebens an die Oberfläche. Ob ein Mensch sich seiner eigenen Wahrheit wirklich stellt, das entscheidet der Betroffene immer selbst. Es ist ein langwährender Prozess. Ich kann ihn nicht beschleunigen, aber begleiten. Ich kann eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, indem ich verlässlich bin und – das ist nicht zu unterschätzen - weil meine Schweigepflicht das Vier-Augen-Gespräch auf eine besondere Weise schützt.
Die Gespräche hinter den Gefängnismauern – und das liebe ich an dieser Aufgabe – sind in der Regel alles andere als belanglos. Es geht oft um existentielle Dinge, und ich fühle mich „nah dran“ - wie sonst selten. Hier wird, wenn auch mit anderen Worten, nach dem Sinn und nach einem gelingenden Leben gefragt. Hier wird die tiefe Sehnsucht nach Liebe und Angenommensein spürbar. Die Kulturen und die Sprachen, die im Gefängnis aufeinandertreffen, mögen sich zuweilen sehr unterscheiden. Aber wie sich Schuld anfühlt oder Verzweiflung und wie neue Hoffnung das Leben beflügeln kann, dieses Empfinden teilen Menschen über alle Grenzen hinweg.

Die biblischen Geschichten vor allem des Alten Testaments sprechen manchmal wie von selbst. „Der Kampf am Jabbok“ (1.Mose 32, 23ff) illustriert, was Menschen hinter Gittern ohnehin empfinden: Es kommt mir so vor, als stünde mir jemand – oder ich mir selbst? - im Weg, als hielte mich jemand auf, als blockierte mich jemand, sodass ich nicht zur Ruhe komme! Wer oder was kämpft da in oder mit mir?
Auch die Erzväter-Familiengeschichten von Liebe und Eifersucht, von Intrige und Mord – sie alle werden verstanden ohne große Übersetzungsarbeit. Und die gute Nachricht: Nicht bürgerliche Vorstellungen oder gar ein bürgerliches Leben retten mich, sondern Gott selbst, der aus all den Verstrickungen befreien kann und der seinen Segen gewährt trotz krummer Wege, so wie er „seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute, so wie er regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“ (vgl. Matthäus-Evang. 5, 45).
Auch die Geschichte vom verlorenen Sohn (Lukas 15) ist für die Menschen hinter Gittern wie auch für meine Arbeit wegweisend. Offenbar muss der jüngere Sohn seinen Weg in die Fremde zu Ende gehen, muss das Programm des „leichten Lebens“ bis ins Letzte ausgereizt haben, bevor es zu einer Veränderung kommen kann. Man darf in die Fremde gehen, scheitern und daraus lernen. Man darf!
Und immer bleiben die Arme des Vaters weit ausgebreitet!

Pfarrerin Dorothea Niederberger